Warum ich mich manchmal, umgeben von Menschen, die ich liebe, trotzdem einsam fühle
Ich dachte wirklich viele Jahre lang, ich hätte eine Angststörung oder sogar eine Depression. In letzter Zeit habe ich mich aber intensiver mit meinen Gefühlen auseinandergesetzt – und dabei gemerkt, dass da etwas anderes ist. Etwas, das ich mich lange nicht getraut habe zu benennen. Und auch jetzt kostet es mich noch Überwindung, es auszusprechen.
Das, was ich so lange für Angst oder vielleicht eine leichte Depression gehalten habe, ist vielleicht etwas ganz anderes:
eine Einsamkeit, die mich über Jahre begleitet hat – und die ich nie wirklich benannt habe.
Dieses Thema ist nicht einfach anzusprechen, weil es nicht besonders schön ist, zuzugeben, dass man sich oft einsam fühlt.
Und trotzdem mache ich es heute. Weil ich glaube, dass es wichtig ist. Weil es so viele Menschen da draußen gibt, die dieses Gefühl kennen – aber keinen Namen dafür haben. Und weil es manchmal schon hilft zu wissen, dass diese Phasen dazugehören. Dass man sich einsam fühlen kann, ohne wirklich allein zu sein. Und vor allem: dass man damit nicht alleine ist.
Vielleicht schreibe ich das auch deshalb, weil ich in meiner Arbeit immer wieder sehe, wie viele Kinder und Jugendliche genau dieses Gefühl in sich tragen – ohne Worte dafür zu haben. Und weil ich glaube, dass wir Erwachsenen oft erst lernen müssen, es bei uns selbst zu erkennen.
Durch das Mentaltraining und die intensive Auseinandersetzung mit meinen Gedanken habe ich begonnen, mich auch immer mehr mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Viele davon konnte ich schon immer ganz gut benennen. Und irgendwann wurde mir klar, dass da ein Gefühl ist, das mich immer wieder begleitet – und auch belastet: Einsamkeit.
Und das ist vielleicht der Teil, der es so schwer greifbar macht. Denn von außen betrachtet würde man das vermutlich nicht erwarten. Ich habe einen großen Blog mit über 40.000 Followern, ich habe einen Job, ich habe viele Freunde, ich lebe in einer Beziehung, habe zwei Kinder. Eigentlich ist da so viel.
Und trotzdem ist da immer wieder dieses Gefühl.
Dieses Gefühl, gerade in den Momenten, in denen ich es am meisten bräuchte, selbst die Starke sein zu müssen. Weiterzumachen. Zu funktionieren. Und niemanden zu haben, der mich wirklich auffängt.
Das ist keine Schuldzuweisung an irgendjemanden. Ganz im Gegenteil. Aber im Laufe meines Lebens haben sich durch verschiedene Erfahrungen genau solche Muster entwickelt.
Einer dieser Faktoren ist meine Diagnose mit Multipler Sklerose im Jahr 2007. Sie hat mich in Situationen gebracht, die viele Menschen von außen schwer nachvollziehen können. Denn ich wirke gesund. Ich bin aktiv, mache Sport, funktioniere im Alltag. Aber was man nicht sieht, ist die Kraft, die es kostet, jeden einzelnen Tag so zu leben.
Mit Symptomen, die unsichtbar sind.
Mit Erschöpfung, die nicht immer erklärbar ist.
Und auch wenn es hier gar nicht im Detail um die Erkrankung gehen soll, ist genau das ein Teil meiner Realität. Eine Realität, die dazu führt, dass ich oft zwar verbunden bin – aber nicht immer teilnehmen kann. Dass ich Freunde habe, die ich liebe – aber abends oft keine Energie mehr habe, sie zu sehen. Dass ich ein erfülltes Leben habe – und mich trotzdem manchmal außen vor fühle.
Nicht, weil andere mich ausschließen würden.
Sondern weil mein Innenleben manchmal nicht mit meinem Außen mithalten kann.
Dazu kommen auch persönliche und familiäre Themen, über die ich hier nicht im Detail sprechen möchte. Was ich sagen kann, ist, dass Neurodiversität in unserer Familie eine große Rolle spielt. Und dass ich oft in einer Rolle bin, in der ich trage.
Organisiere. Stabil bleibe. Für andere da bin, wenn sie es gerade nicht können. Manches davon übernehme ich bewusst.
Manches fühlt sich auch wie ein Müssen an. Und auch das ist etwas, das von außen oft nicht gesehen wird.
Und genau dort kann Einsamkeit entstehen. Nicht laut. Nicht dramatisch. Sondern leise.
Natürlich habe ich Wege gefunden, damit umzugehen. Ich spiele zum Beispiel Schlagzeug, ich mache viel Sport, ich gehe spazieren. Alles, was hilft, Energie nach außen zu bringen, ist für mich unglaublich wertvoll.
Und trotzdem ist dieses Gefühl manchmal da. Und ich spreche es heute aus. Weil ich glaube, dass genau darin auch Verbindung entstehen kann.
Einsamkeit ist kein seltenes Gefühl.
Studien zeigen, dass sich in Österreich und Deutschland je nach Altersgruppe etwa 10–20 % der Menschen regelmäßig einsam fühlen. Laut der OECD wird Einsamkeit als das subjektive Gefühl beschrieben, dass die eigenen sozialen Beziehungen nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen – unabhängig davon, wie viele Menschen tatsächlich im Leben sind. Auch Studien der Universität Wien und des Robert Koch-Institut zeigen, dass Einsamkeit nicht unbedingt etwas mit Alleinsein zu tun hat – sondern mit dem Gefühl, nicht wirklich gesehen oder verstanden zu werden.
Was ich daraus gelernt habe, ist vielleicht das:
Einsamkeit ist nichts, wofür man sich schämen muss. Sie ist kein Zeichen von Schwäche. Und auch kein Zeichen davon, dass etwas „falsch“ läuft im Leben.
Manchmal ist sie einfach da.
It is what it is.
Aber was einen Unterschied macht, ist, ob man darüber spricht. Ich habe begonnen, dieses Gefühl vorsichtig zu teilen – mit Freunden, in Gesprächen, manchmal auch ganz offen. Und jedes Mal ist ein Stück Verbindung entstanden.
Ich habe mir auch erlaubt, selbst Unterstützung anzunehmen.
Coaching, Austausch, Räume wie Frauenkreise, in denen man ehrlich sein darf.
Und vielleicht ist das das Wichtigste, was ich sagen möchte:
Wenn du dieses Gefühl kennst – du bist nicht allein.
Und du musst da nicht alleine durch.
It is what it is – but it is not what it is not.
Und das Leben ist – bei allem, was es mit sich bringt – immer lebenswert.
Deine Melanie
PS:
Falls du dir gerade denkst, ich könnte auch ein bisschen mehr Austausch und vielleicht neue Hobbys gebrauchen:
Ich verlinke dir hier meine Schlagzeugschule – dort habe ich vor ein paar Jahren angefangen zu spielen und es ist bis heute einer meiner wichtigsten Ausgleiche.
Und ich verlinke dir eine ganz liebe Freundin, die mich zum Mentaltraining und auch zu Frauenkreisen gebracht hat.
Beides sind für mich Orte geworden, an denen echter Austausch möglich ist – und genau darum geht es am Ende:
sich nicht alleine durch alles durchkämpfen zu müssen.

